Friday, December 11, 2009

Kein Baum wächst in Brooklynn.

Als Teenager habe ich meine Schwester mit „How’s your guts?“ begrüsst. Davor brauchten wir „How goes it?“ Nicht weil es eine buchstabengetreue Übersetzung von „Wie geht’s?“ ist, sondern damit wir uns lustig über unsere Stiefmutter machen konnten. (Sie kommt aus dem Mid-West, wo alle Leute auf diese Weise sprechen.)

Ich bin ein Zwilling und sollte wahrscheinlich eine spezielle Sprache mit meinem Zwillingsbruder haben. Bis 2008 hatten wir aber keine. In dem Jahr fingen wir an, unsere spezielle Begrüssung zu brauchen: „How’s your tree?“ Es war Summer und Ivo und ich haben Lucas besucht vor einem Familienfest. Er hat uns am Flughafen auf dem Heimweg von einem langen Wochenende mit seiner Freundin abgeholt. Wir haben uns mit unserem Gepäck abgemüht, als er plötzlich stehen blieb. „My tree!“ stöhnte er. Vor seinem Haus stand ein kleiner Baum mit einem einzigen Blatt, das einsam zitterte. Er rannte in den 3. Stock, um zwei grosse Flaschen Wasser zu holen, und begoss ihn grosszügig. „Poor tree“ sagt er, als er den Baum untersucht.

Der Baum wird von der Stadt gepflanzt. Die Pflanzer haben nicht tief genug begraben und haben zu wenig oft gegossen. Deshalb „musste“ Lucas ihm jeden Tag etwa 5 Liter Wasser geben. Das lange Wochenende hatte dem Baum geschadet und dazu meinem Bruder, des Baums Betreuer.

Nach dieser herzerwärmende Szene haben Ivo und ich jedes Mal Lucas mit „How’s your tree?“ begrüsst. Es war eigentlich keine schlechte Idee. Nachdem Lucas zugegeben hat, dass es dem Baum gar nicht gut geht, schienen alle anderen Nachrichten irgendwie besser oder auf jeden Fall weniger schlecht.

Leider dieser Herbst kam dieser Gruss zur Ende. Die Antwort lautet „Awwww, it’s dead.“ Basta. So ist es. Trotz seiner Pflege und Liebe starb der Baum dieses Jahr. Es wäre den meisten New Yorkern gar nicht wichtig, aber die unerwartete Erscheinung der Pflanze hat ihm Freude gemacht. Als er einen Sommer in London verbracht hatte, fand er das Grün in der Stadt beeindruckend. Die Idee, dass er seine eigene grüne Ecke in seinem Betondschungel haben könnte, hat ihn begeistert.

Jetzt haben wir keine spezielle Begrüssung. Nach seinem Job zu fragen bringt nur Ärger, genauso Fragen nach seinen Mitbewohnern. Glaubt doch Betty Smith nicht. Trotz grösster Bemühungen wächst ein Baum in Brooklyn nicht.

Sunday, October 11, 2009

zu Hause ist nicht nur wo mein Hut ist

Die Schweiz meiner Kindheit war von Klischees umfasst. Die Zutaten waren Ricola-Werbungen, der Film „The Sound of Music“ und ein Missverständnis der Tagesereignisse. Die Abbildung war grüne Wiesen, grosse Alpenhörner und ein gigantisch Berg, auf dem eine Holzhütte voll mit Politiker stand.

Ich wohne schon seit Mai 2006 in der Schweiz. Das ist länger als ich in Athens, San Diego, Groton, Fairfax, DC und Philadelphia gewohnt habe. Wenn ich meine alten Wohnorte besuche, merke ich, dass sie immer noch in meinem Herz sind. Natürlich ist Zürich ganz anders. Ich bin noch eine Ausländerin und gewisse Sachen bleiben mir immer noch fremd, aber zu Hause fühle ich mich langsam. Deshalb ist es gerade noch rechtzeitig umzuziehen.

2009 wird unser letztes Jahr in der Schweiz eine Zeit lang . Vielleicht deshalb finden wir uns jetzt oft in Touristenbegleitung. In diesem Summer haben wir schon ein Alphornkonzert gesehen und waren bei einem Alpabzug dabei. In diesem Winter will ich endlich richtig snowboarden, vielleicht gehe ich wieder an den Zwiebelmarkt im Bern, oder zum ersten Mal an die Fasnacht in Luzern oder Basel. Ich will jede Möglichkeit nutzen, um unser Zuhause zu geniessen.

Die Schweiz ist für die meisten meine amerikanische Familie und Freunde nur St. Gallen. Dort haben wir geheiratet und sie die Mehrheit ihrer Zeit verbracht. Zürcher finden das lustig, genauso wie ich. Lustiger ist aber, wenn meine Halbgeschwister mir etwas von der Schweiz erzählen, das ich gar noch nicht weiss. Sie sind ein paar Tage in Luzern geblieben, eine Stadt, die mir bis vorgestern unbekannt war. Ich werde nie die ganze Schweiz kennen, aber ich freue mich darauf, mehr und mehr über das Land zu lernen.

Wenn ich durch Washington DC fahre, fühle ich mich immer noch damit verbunden. Das ist eigentlich warum es keine Frage gibt’s, dass Ivo und ich wieder in die Schweiz zurückkehren werden. Ein Paar Leute haben ihre Besorgnis geäussert. Sie sollen wissen, dass unsere Herzen gross genug sind. Wir haben Platz genug für neue Städte und neue Kollegen, ohne Zürich auf Platz zwei zu schieben.


ein offener Brief an Hip-hoppers

Liebe Hip-Hoppers,

passt gut auf!!! Es könnte sein, dass ihr nicht bereit wart für das Schweizerpublikum. Wenn ihr „put your hands up!“ sagt, wird das Schweizervolk (und vielleicht das Volk aller deutschsprachigen Menschen) nur einen Finger statt einer Hand heben. Probiert soviel ihr wollt, sie werden euch nie ihre Handflächen zeigen. Es ist auch in der Schule so. Amerikaner würden meinen, dass Schweizer Kinder die Nummer eins zeigen wollten. Wahrscheinlich hat es etwas mit den Nazis zu tun, oder vielleicht können sie mit einer Finger höher reichen. Das weiss ich nicht.

Anweisungen sind eigentlich allgemein gefährlich. Obwohl die Mehrheit eures Publikums Englisch versteht , ist es schwieriger, von einer Bühne euren Dialekt zu verstehen. „Are y’all ready?!“ ist mehr oder weniger begreiflich. „We gonna need an Ambulance“ ist schwieriger, besonders mit einem haitianischen/New Jersey Akzent. (Wyclef Jean, du bist damit gemeint.) Ihr sollt kurz, klar und deutlich instruieren.

Apropos Verständnis, mindestens die Hälfte eures Publikums kann kaum eure Liedtexte verstehen. Zusatzkommentar (besonders ein kulturspezifischer Kommentar) wird ganz wahrscheinlich nicht kapiert. Wenn ihr irgendetwas zu Ketten sagt, würden die Zuschauer ihre Halsketten hochheben. Ihnen ist es nicht egal aber unbekannt, dass ihr was Negatives gesagt habt.

Zuletzt will ich euch erklären, dass ihr keine Angst haben sollt, aber seid bereit: Am Schluss eures Sets wird das Publikum ein komisches Geräusch machen. Sie werden dazu ihre Füsse stampfen. Erstaunlicherweise ist es ihnen dann erlaubt, ihre Hände zu öffnen, damit sie ihre Fingern wackeln können. Sie meinen nichts Böses damit. Sie wollen euch nicht verfluchen. Es ist kein helvetisches MoJo. Das ist nur die Art, wie sie eine Zugabe verlangen.

Ich geniesse es immer, meine Lieblingsmusiker zu sehen. Ich hoffe, dass die Infos hilfreich waren, und ihr bald wieder kommt.

Euer Fan

Jessy


Sunday, July 5, 2009

"Oh say, kannst du sehen?"

Um den Grill standen 10 Schweizer. Ihre Gesichten waren konzentriert. Sie hielten Holzstöcke mit Marshmellows am anderen Ende. Es war das erste Mal für fast jeden. Als eine Amerikanerin, ist es schwierig cih vorzustellen: Erwachsene die nie ein Marshmellow über einem Feuer getoastet haben. Aber so war es an diesem 4. Juli.

Heimweh habe ich nur ab und zu erlebt. Normalerweis spüre ich es nur an amerikanischen Festtagen. Wenn auch nur deswegen, weil sie unbemerkt in der Schweiz vorbeigehen. An meinem ersten Thanksgiving habe ich Kollegen zum Mittagessen eingeladen. „Happy Thanksgiving!“ sagte ich, als das Essen serviert war. „Thanksgiving? Findet das nicht im Januar statt?“ Ich war fassunglos. „Ja!“ Sagt jemand anders. „Das habe ich auch gedacht. Nach Sylvester kommt Thanksgiving, oder?“ Ich war bereit dafür, dass niemand in der Schweiz Thanksgiving anerkennen würde. Aber hätte ich erwarten sollen, dass das Datum des Festtags bestreiten wurde?
Mein erste 4. Juli in der Schweiz fand während dem World Cup statt. Zum Glück hatten wir noch einen Amerikaner dabei und wir könnten uns zu zweit komisch fühlen. Seitdem ist es eigentlich immer leichter geworden, diese Amerikanischen Festtage in der Schweiz zu verbringen. Mein Mann hilft mir viel dabei. Wenigsten machen wir etwas Kleines und Besonderes, um den Tag zu begehen.
Dieses Jahr war es Anders. Der 4. Juli fiel auf einen Samstag. Wir haben ein Grillfest geplant. Sowohl Schweizer als auch Engländer waren eingeladen. Das Wetter hat mitgemacht, und wir könnten die Amerikanische Unabhängigkeit feiern.
Mein Bruder hat viele Ratschläge. Er wollte, dass unserer Kollegen nur ein Authentisches „American Cook-out“ erleben würde. „Serviert doch nur Hotdogs in Brötchen und Collard Greens!“ Nach 3 Jahre in der Schweiz, verstehe ich, dass das unmöglich ist. Trotzdem haben wir Marshmellows getoastet und niemand hat gefragt „4th of July? Findet das nicht im Januar statt?“

Saturday, July 4, 2009

"Haben Sie vielleicht ein Taschentuch?"

Als ich bemerkt habe, dass der kleine Zeh am linken Fuss meines Kollegen blutet, suchte ich in meiner vollen Tasche nach einem Pflaster. „Danke Mami“ antwortete er, nachdem ich es ihm gab. Es war derselbe Spruch, den unsere Kollegin machte, als ich ihren Hunger stillte, mit einem Sack Krabbenchips, auch aus meiner Tasche.
Was soll das? Wenn man zum Openair Kino geht, kriegt man vielleicht Hunger, deshalb war ich dafür bereit. Das Pflaster, na ja, wer hat kein Pflaster dabei, falls es nötig ist? Vielleicht ist die Antwort zu beidem sehr einfach: Viele Menschen laufen herum, ohne Pflaster und ohne Säcke voll mit Essen dabei zu haben. Noch weniger haben beides gleichzeitig dabei. Ich aber hatte es dabei, und noch mehr dazu, fast immer alles was man brauchen könnte, jederzeit.
Meine Theorie war, dass ich das als Kinderpflegerin gelernt habe. Ich hatte meinen ersten Job als Babysitter mit 15. In den letzten 13 Jahren hatte ich immer wieder etwas mit Kindern zu tun. Von diesen Erfahrungen habe ich gelernt, dass ich für alles bereit sein soll. Die wahrere Theorie ist wahrscheinlich, dass, weil ich so viel umzog, ich Angst hatte, dass etwas zurückgelassen worden sein könnte.
Mein Vater hat bei der Marine gearbeitet, und deshalb mussten wir oft umziehen. Als Erwachsene zog ich jedes Jahr um, wegen den schlechten Vermietern, die ich immer wieder fand. Bei jedem Umzug wurde etwas zurückgelassen. So war es, dass ich zu viele überflüssige Dinge mitnahm, sowohl in der Reisetasche, als auch in der Handtasche.
Jetzt schleppe ich viel weniger mit, und es ist immer noch schwierig, den Grund dafür genau zu bestimmen. Vielleicht ist es, weil ich schon so lange in Zürich in derselben Wohnung wohne, wie in fast allen vorherigen Häusern. Vielleicht ist es nur, dass ich ein bisschen ruhiger geworden bin. Jetzt wundere ich mich nur, ob ich diesen neuen Weg auch verlieren kann, wenn ich Mutter werde, und wieder bereit für alles sein muss.

Tuesday, June 30, 2009

Achtung! Gerfahr!

„Aber ich habe eine besondere Angst vor Zahnärzten,“ hat jemand mir gesagt. Ich musste lachen. Jeder hat Angst vor dem Zahnarzt. Niemand freut sich darauf, ausser die Mutter eines Zahnarztes und mein Stiefvater. Mein Stiefvater hat meine Mutter bei seinem Zahnarzt kennen gelernt. Meine Mutter war damals eine Zahnarztassistentin, und sie haben sich in einander verliebt, als er im Behandlungsstuhl lag.

Vor zweieinhalb Jahren hat ein Zahnarzt meine Weisheitszähne gezogen. Der Zahnarzt hat gesagt, dass es der schwierigste Extraktion seiner Karriere war. Er musste viel schneiden, wegen sehr komischen Wurzeln. Als ich in dem Behandlungsstuhl lag und in seine Augen schaute, wusste ich, dass ich diesen Mann nie mehr sehen konnte. Schade war das, weil er eigentlich ein Freund meiner Schwiegereltern ist. Ich wollte keine gemeinsamen Mahlzeiten und keine leichte Konversation mehr mit ihm. Er hat mir weh gemacht und in meinen Kiefer geschnitten, und ich wusste, dass ich ihn nie wieder sehen wollte. Deshalb ist es schwierig zu verstehen, wie die Liebe in einer Zahnarztpraxis gefunden werden kann.

Das Umwerben hat 11 Jahren gedauert, nachdem sie sich in die Augen geschaut hatten, trotz Schutzmasken und Dentalbohrer. Ihre Belohnung war eine Familienflitterwoche mit ihren fünf erwachsenen Kindern. Der Plan war, dass wir eine Wildwasser-Schlauchboot-Tour machen würden, wie Mitarbeiter auf einem Teamentwicklung Arbeitsausflug. Es ist eine Synchronisierungs-Übung und war keine schlechte Idee. Eigentlich hatten wir uns darauf gefreut. Es war nur das erste Mal für meine Stiefgeschwister. Wir sind in zwei Autos nach Maine gefahren, und die einzige Beschwerde kam von meiner Stiefschwester – wegen des Camping.

Da wir zusammen sieben waren, brauchten wir noch einen Mensch für unser Boot. Eine alte Frau hat in unserem Boot mitmachen dürfen. Sie war unterwegs mit einem Camper auf einer Landreise, nachdem sie in Rente gegangen ist. Ihr Mann hätte mitkommen sollten, aber „der Dummkopf ist gleich eine Woche bevor er in den Ruhestand gehen sollte, gestorben.“ Deshalb musste sie die Reise alleine machen. Wir meinten, dass sie unser schwächstes Glied wäre. In Wirklichkeit konnten mein Stiefvater und Stiefbruder nicht zusammen paddeln, und gemeinsam haben sie die Rolle als „Schwachpunkt“ übernommen. Auf der zweiten Hälfte des Flusses sassen sie vorne im Boot und sollten das Tempo setzen. Vor uns lag eine der technisch schwierigsten Stromschnellen der US und wir könnten nicht richtig steuern ohne Synchronisierung. Trotz den besten Absichten ist unser Boot gekentert.

Es hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt, bis ich raus von unter dem Boot geschwommen bin. Umgekehrt bin ich flussabwärts getrieben. „Füsse hochheben!“ hat der Betreuer gesagt. Ich habe meine Knie zu meiner Brust gebracht, aber dann fing ich an im Wasser an zu drehen. Endlich hat mir jemand von einem anderen Boot aus zugerufen. Sie haben mir ihren Seilsack zugeworfen. „Seilsack auf die Brust halten und auf dem Rücken liegen“ hat der Betreuer gesagt. Ich lag auf meinem Rücken und starrte flussabwärts. Vor mir teilte sich der Fluss. Auf der linken Seite: die Wartenden in verschiedenen Schlauchbooten. Auf der rechten Seite: Niemandsland. Als ich das kapierte, ist das andere Ende des Seils an mir vorbei geschwebt. „Stellen Sie sicher, bevor Sie den Seilsack werfen, dass der Seilkarabiner fest ist,“ hat der Betreuer gesagt.

Wir haben es überlebt, und die Reste des Tages mitgemacht. Mein Stiefvater hat seine Brille verloren, mein Bruder hat beide Beine gegen Steine gerieben. Meine Mutter hat ihren Rücken verletzt. Am nächsten Tag, als wir uns bereit gemacht haben, waren neue Menschen am vorbereiten. „Falls Sie in den Fluss fallen: Füsse aufheben, Seilsack auf die Brust halten und auf dem Rücken liegen!....“ Alle haben wir laut gelacht. „Viel Glück zusammen!“, haben wir geschrieen. Und dann, als eine festere Familie, sind wir zu den Autos gehinkt.

In dieser Flitterwoche haben wir gelernt, dass, wenn wir vor Schmerzen fliehen, wir vielleicht das lebenslange Glück verpassen. Sogar wenn dieser Schmerz im Zahnarzt-Behandlungsstuhl kommt/wartet.

Sunday, June 28, 2009

Keinkaufen

"Im Ausland lacht man uns Glattweg aus" ,sagt Hansuell Loosli, der COOP Chef, und ich habe ein schlechtes Gewissen. Loosli will nur, dass COOP nicht 4 Tage lang zu bleiben muss während Weinnachten. Ich nehme an, dass es nicht das erste Mal ist, dass Weinnachten an einem Freitag stattfindet. Deshalb wundere ich mich, was sie das letzte Mal gemacht haben. Ich finde es auch ein bisschen komisch, dass Zürich gegen offene Läden am Stephanstag ist. Während der Weltmeisterschaft durfte COOP-pronto sogar am Sonntag offen bleiben. Warum denn ist die Weihnachtszeit anders?

Ein schlechtes Gewissen habe ich, weil ich mich selber über Ruhetage lustig gemacht habe. Ich habe Witze gemacht, aber ganz ehrlich finde ich es schön, dass Ruhetage existieren. Am Sonntag habe ich sogar mehrere Ärgernisse auf dem Einkaufsweg erlebt (In-line Skating WM sei Dank), trotzdem gehe ich gerne zum Bahnhof, wenn ich nicht genug Milch für das Frühstück am Montag habe.

Ich habe meine erste Arbeitstelle mit 15 bekommen. Bei Dominos Pizza haben sie mich „Phone-wench“ genannt. Drei Nächte pro Woche und jedes Wochenende habe ich das Telefon bedient und die Pizzakartons bereitgestellt. Ich habe es gerne gemacht, weil es ein Teil der amerikanischen Jugendzeit ist. In Film und Fernsehen hat jeder Teen eine solche Stelle bei einer Autowaschanlage oder einem Imbiss, oder etwas ähnlichem. Ich habe es als Initiationsritual gesehen, und war stolz darauf. Nach Dominos hatte ich eine Stelle bei einer Drogerie und nachher bei einer Tankstelle.
Je jünger ein Mensch ist, desto schlechter sind die Arbeitsschichten. Deshalb musste ich einmal an Weinnachten arbeiten. Ich war die jüngste Mitarbeiterin und musste die erste Schicht übernehmen. Um 5 Uhr morgens hatte ich die Zeitungen sortiert und vor dem Schalter platziert, den Kaffee gemacht und die Tanksäule angestellt. Trotz des Feiertags hatte ich ständig Kunden. Die Meisten waren auf ihrem Weg zu ihren Familien, zum feiern. Meine Familie hat alle 30 Minuten angerufen, besonders mein Bruder. „Bist du fast fertig?“ „Wann ist deine Schicht fertig?“ „ Bist du fast auf dem Weg?“ „Wo bist du?“ „Wir wollen Geschenke auspacken!!!!“ Es war eine halbe Schichte, und ich musste nur 5 Stunden arbeiten. Trotzdem hat die Schicht eine Ewigkeit gedauert. Nach 4 Stunden und 20 Minuten (ungefähr) hatte ich eine Menschenschlange vor der Kasse. Ein Kunde hat laut geseufzt. „Warum sind so wenige Tankstellen und Läden heute offen? Warum können jüdische und muslimische Arbeitnehmer nicht einfach in jedem Laden arbeiten an Weihnachten?“ hat er leise flüstert. Es ist nur mit grosser Kraft, dass ich diesen Mann nicht angeschrieen hatte. Ich wollte sagen, „Weißt du nicht, du Betbruder?! Teens sind dafür da! Wir müssen die unerwünschten Schichten übernehmen!“ Stattdessen habe ich nur das klingelnde Telefon beantwortet und meinen Bruder beruhigt und gesagt, dass es nicht mehr lange geht.

Heutzutage ist es so, dass Teens solche Stellen gar nicht mehr finden. Wegen der Krise sind Nacht- und Wochenendeschichten von Erwachsenen, die mehrere Jobs haben, von Arbeitlosen und Ruheständlern besetz. Immerhin ist das Einkaufszentrum am Feiertag und Sonntag offen. Obwohl es mir immer noch fremd ist, dass ich nicht am Sonntag in meinem Quartier einkaufen kann, geniesse ich es immer wieder. Ich hoffe nur, dass ich mich daran erinnere und genug Milch kaufe am 23. Dezember.